Friedl Dicker

für alle ab 14 Jahren

 

Friedl Dicker war Künstlerin: Malerin, Grafikerin, Bühnenbildnerin, Innenarchitektin. Sie hat Skulpturen aus Metall gebaut, Marionetten aus Holz, hat Teppiche und Wandbilder aus Wolle gewebt, Bilder gemalt, Räume entworfen und gestaltet… Sie gilt als eine der begabtesten und vielseitigsten Schüler*innen des Bauhaus in Weimar und als eine Wegbereiterin der heutigen Kunsttherapie. Als Jüdin und als kommunistische Widerstandskämpferin wurde sie von den Nazis verfolgt.

Geboren 1898 in Wien, ermordet 1944 in Auschwitz – sie wurde 46 Jahre alt. Beinahe hätte man sie vergessen, wären da nicht zwei Koffer gewesen, auf dem Dachboden des Mädchenheims im ehemaligen Lager Theresienstadt, zwei Koffer voller Kinderzeichnungen...

Drei Spielerinnen, eine Regisseurin und eine bildende Künstlerin tauchen ein in die Zeit der Weimarer Republik, der "goldenen Zwanziger Jahre", in die Nazizeit – und in die Geschichte von Friedl Dicker. Sie untersuchen Fragen an Friedls Leben und an die Zeit und entwickeln eine Produktion für Jugendliche.

 

PREMIERE: 22. Januar 2022

Ensemble

Spiel: Minju Kim, Josephine Raschke, Bahar Sadafi / Marylin Pardo
Textfassung & Inszenierung: Barbara Kölling
Bühne: Krista Burger
Licht & Technik: Jan Leschinski
Videomaterial: Adrian Kölling, Benjamin Kurz
Assistenz: Dennis Schiwe
Theaterpädagogik: Shabana Saya

"Friedl Dicker" ist eingeladen zu WESTWIND 2022

38. Theatertreffen für junges Publikum in NRW

Begründung der Auswahl-Jury

"Kennt ihr Friedl Dicker? Die Malerin, Innenarchitektin, Bühnen- und Kostümbildnerin am Bauhaus, die ab 1942 im Lager Theresienstadt Kinder im Malen und Zeichnen unterrichtete? Wir kannten sie nicht. Das Helios Theater aber hat recherchiert, gesammelt, nachgebaut und ein aufregendes, berührendes Dokumentartheater über diese Künstlerinnen-Persönlichkeit für Jugendliche entwickelt. Es ist ein Herantasten mit unterschiedlichen Formaten und auf mehreren Ebenen. Die drei Darstellerinnen erzählen mal als Friedl Dicker selbst, mal berichtend über sie, mal treten sie in den Dialog. Die Perspektive wechselt, jedes Einfühlen wird von der Reflexion abgelöst und umgekehrt. Auch das Bühnenbild bleibt in Bewegung, hat mit Leinwänden und Objekten vor allem offenen Werkcharakter. Es schafft den Raum für zeitzeugende Filmausschnitte und wunderbares wie tieftrauriges Schattentheater. Entstanden ist das Porträt einer selbstbestimmten, willensstarken Frau, einer Künstlerin und einer Zeit, die nie vergessen werden darf. Wie wertvoll es ist, Friedl Dicker jetzt so gut zu kennen."

(Sarah Heppekhausen, Kübra Sekin, Cathrin Rose)

KulturKit NRW

Zu „Friedl Dicker“ konnte das HELIOS Theater erstmals ein KulturKit erstellen: einen Koffer mit vielfältigen Materialien zur Vor- und Nachbereitung des Theaterbesuchs. Verschiedene Themen können je nach Fokus des Unterrichts in Deutsch/Literatur, Kunst oder Geschichte behandelt werden: die Kunst Friedl Dickers, der geschichtliche Kontext, das Thema Migration und das Leben im KZ Theresienstadt. Dank der Förderung durch Bildungspartner NRW ist das KulturKit für Schulen kostenlos. Melden Sie sich einfach im Theaterbüro unter Tel. 02381 926837 oder post@remove-this.helios-theater.remove-this.de.

Pressestimmen

Gegen die Vergessenheit

Vorpremiere zum Stück ,,Friedl Dicker“ im Helios-Theater

Hamm – Sie hat vielen Kindern in Konzentrationslagern in der schwersten Zeit ihres Lebens mit Zeichen- und Malkursen Fröhlichkeit und Ablenkung geschenkt und sich damit zu einer stillen Heldin gemacht: Die jüdische Künstlerin und Schülerin des Weimarer Bauhaus, Friedl Dicker, selbst stand jedoch nie im Mittelpunkt und ist mittlerweile auch ein wenig in Vergessenheit geraten. Umso beeindruckender ist es, dass das Helios-Theater die Biografie und den Einfluss Dickers mit einem eigenen Stück bedacht hat. […]

Erzählt wird die Lebensgeschichte der 1898 in Wien geborenen Frau, die für die Kunst und Kultur gelebt hat, auf verschiedenen Ebenen und mit unterschiedlichen Stilmitteln. So übernimmt die Rolle der Friedl Dicker nicht nur eine Darstellerin: Mal ist es Minju Kim, die Dicker spielt, andere Male Josephine Raschke oder Bahar Sadafi. Die drei sind immer auf der Bühne, wechseln die Rollen und nehmen zeitweise auch die Funktion einer Erzählerin ein oder geben eine Einordnung zum historischen Kontext. Auf diese Weise bleibt das rund 50-minütige Schauspiel sehr dynamisch und bietet unterschiedliche Perspektiven, zudem wird so die ganze Bühne genutzt.

Dynamisch ist nicht nur der Inhalt des Stücks, sondern auch das Bühnenbild – auch deshalb, weil Friedl Dicker selbst Bühnenbildnerin war. So hat die niederländische Künstlerin Krista Burger den Bühnenbereich des Kulturbahnhofs so gestaltet, dass die Elemente hin und her verschoben werden und damit immer wieder gekonnt Akzente gesetzt werden. Unterstützt wird diese Dynamik zudem durch den Multimediaeinsatz. Beispielsweise, als es um den Moment geht, als die Nazis die Macht übernahmen und Friedl Dicker als Jüdin und kommunistische Widerstandskämpferin verfolgt wurde. Zu sehen sind auf verschiedenen Untergründen projizierte Videoausschnitte aus der NS-Zeit, die den Zuschauern ein Bild der Zeit vermittelten.

Schön ist auch, dass der Einfluss Friedl Dickers deutlich gemacht wird – einerseits auf die Kunst, andererseits auf die Menschen. Das, was beim Malunterricht in Theresienstadt entstanden war, hatte die Jüdin ihrerzeit in einen Koffer gelegt, der nach der Befreiung des KZ entdeckt wurde und mit dessen Inhalt eine gefeierte Ausstellung veranstaltet wurde. In diesem Zuge sind aus dem Off Stimmen zu hören, wie die Kinder aus den Malkursen den Einfluss von Friedl Dicker auf ihr Leben sprechen. Dicker selbst hat dies damals nicht miterlebt, sie ist von den Nazis ermordet worden. […]

von Rabea Wortmann, Westfälischer Anzeiger, 02.11.2021

Friedl Dicker wird Titelheldin im Helios Theater Hamm

Einen umfangreichen Artikel über Friedl Dicker, ihr Leben und Werk und die Inszenierung hat Achim Lettmann für den Westfälischen Anzeiger am 10.1.2022 geschrieben.

[...] Dicker stach aufgrund ihrer Vielseitigkeit am frühen Bauhaus hervor. Sie ging in die Architekturklasse, die für Schülerinnen nicht vorgesehen war. „Sie trug Männerkleidung“, sagt Barbara Kölling, „und sie wurde akzeptiert.“ Sie übernahm mit ihren Freundinnen Anny Wottitz und Margrit Téry-Adler Buchbinderarbeiten, sie lernte Lithografie bei Lyonel Feininger, half bei der Textilproduktion zusammen mit Walter Gropius und war 1921 von Paul Klees Malerei fasziniert. Klees Motivik und sein Kunstbegriff inspirierten sie zur Arbeit mit Kindern.

Friedl Dickers vielfältiges Interesse an künstlerischen Prozessen findet sich auch auf der Bühne des Helios Theaters wieder. Einbauten basieren auf der konstruktiven Sprache des Bauhauses. Ringe, geometrische Formen und textile Raumteiler machen Materialien spürbar. Zeichnungen auf breiten Papierrollen gehen über die grafische Kunst hinaus und führen bis in Dickers Kindheit zurück, als sie im Papierwarenladen des Vaters groß wurde. Die Bühne hat Künstlerin Krista Burger eingerichtet. [...]

Für das Helios Theater, das Stücke für Kinder und Jugendliche entwickelt, ist Friedl Dicker auch als Frau ihrer Zeit interessant. „Wie war das Frauenbild vor 100 Jahren“, fragt Barbara Kölling und will ihrem Publikum zeigen, welchen Mut Frauen damals aufbrachten, um sich zu behaupten. "Ich spreche heute gern mit jungen Frauen über Traditionsbilder", sagt Barbara Kölling. [...]

Mit ihrem Spielansatz gibt Kölling der Hauptperson mehrere Optionen. Drei Schauspielerinnen berichten über die Bauhaus-Künstlerin und verkörpern sie auf der Bühne. Kölling setzt dramaturgisch nicht auf Identifikation mit der Titelfigur. Ihr sind assoziative Angebote wichtig. Danach ist auch die Bühne offen gestaltet. Das Publikum erlebt verschiedene Spielszenen und Lichtbildtechniken. Dicker wird als Frau in einer Zeit vorgestellt, die bewegt. [...]

1930 richtete Dicker einen Montessori-Kindergarten in Wien ein. 1931 unterrichtete sie Pädagoginnen darin, die Persönlichkeit von Kindern und ihre künstlerischen Impulse zu erkennen. Als Kommunistin floh sie vor den Nazis aus Wien und 1938 auch aus Prag, ohne die Chance zu ergreifen, nach London oder Israel zu emigrieren. Warum blieb sie bei ihrem Mann, mit dem sie 1942 ins KZ-Theresienstadt deportiert wurde? Diese Frage stellt auch die Inszenierung des Helios Theaters. Bleibt man, weil sich noch etwas verändern lässt? Auch die Migration unserer Tage lässt sich mit dem Stück „Friedl Dicker“ verknüpfen. [...]

Vor allem Dickers Ziele, die Emanzipation und Identität von Kindern zu stärken, sowie das sinnliche Gespür junger Menschen über das Gefühl für Materialien zu fördern, sind auch die Kernziele des Helios Theaters. „So viel Übereinkunft!“, sagt Barbara Kölling. Sie ist erstaunt und ein bisschen sprachlos.


Der ganze Artikel ist auf der Seite des Westfälischen Anzeigers nachzulesen:

"Friedl Dicker wird Titelheldin im Helios Theater Hamm"

Bis zum Ende Kunst im Kopf

Helios Theater bringt „Friedl Dicker“ auf die Bühne

Hamm – […]  Thematisch trefflich gestaltet sich das karge Bühnenbild in Anlehnung an die zumeist schnörkellose Formensprache des Bauhauses in Weimar, in dem die Protagonistin 1919 bis 1923 universell künstlerisch gewirkt hat. […]

Ein besonderes Highlight stellten die originalen Filmszenen aus der unsäglichen nationalsozialistischen Zeit dar. Anfangs auf durchscheinenden Leinwänden mit dem Schattenspiel der Akteurinnen reduziert, sich dann über die ganze Bühnenbreite beinahe explosionshaft vergrößernd, um dann in einem sekundenlagen schwarzen Nichts in sich zusammen zu fallen. Dargestellt wurde auch Dickers Wirken sowohl vor als auch nach ihrer Zeit am Bauhaus. Später nimmt ihre Zeit im Konzentrationslager Theresienstadt besonderen Raum ein.

[…] Sicherlich eine Besonderheit Dickers ist, dass sie – sicher wissend um ihr besiegeltes Leben – mit großer Leidenschaft den Kindern im KZ Kunstunterricht gab.

Mit dem Stück dürfte es gelungen sein, dem unschätzbaren künstlerischen Wirken im allgemeinen und dem kunstpädagogischen Tun im besonderen gerecht zu werden.

von Wolfgang Spiralke, Westfälischer Anzeiger, 24.01.2022

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